Die 5. Ulmer Lyriknacht zeigte, was Sprache kann. Mit Liv Thastum, Farhad Showghi und Walle Sayer brachte sie drei unterschiedliche poetische Stimmen auf die Bühne. Lesungen, Gespräche und Musik in der sehr gut besuchten Stadtbibliothek Ulm zeigten, wie Gedichte den Blick verändern und im Alltäglichen neue Bedeutungsräume eröffnen.

Mit Kurt Tucholskys Worten „Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – sieh sie dir an“ eröffnete Christine Langer am 23. Oktober 2026 die 5. Ulmer Lyriknacht in der Stadtbibliothek Ulm, und gab damit das Leitmotiv des Abends vor: die Welt aufmerksam wahrzunehmen und sich von der Sprache überraschen zu lassen.

Den Auftakt machte Liv Thastum aus Berlin mit ihrem Debütband „aben die erda“. Thastum schreibt auf Deutsch und Dänisch. Ihre Gedichte führen in Landschaften, deren Grenzen sich auflösen. Die Natur wird zum Resonanzraum für Fragen nach Wahrnehmung und Identität. Ihre Gedichte überschreiten gewohnte Sprachstrukturen und eröffnen neue Bedeutungsräume. Besonders prägend ist ihr Spiel mit beiden Sprachen, die sich durchdringen und neue klangliche Möglichkeiten eröffnen. Ihre Lesung machte das Schreiben „zwischen den Sprachen“ zu einem eindrucksvollen Zusammenspiel von Versen, Klang und Bedeutung. Im anschließenden Gespräch mit Christine Langer und Udo Eberl standen Fragen nach sprachlicher Zugehörigkeit und den kreativen Möglichkeiten des Schreibens im Mittelpunkt. Auch die typografische Gestaltung ihrer Gedichte wurde näher betrachtet. Thastums Schreiben lädt dazu ein, vertraute Zusammenhänge infrage zu stellen. Dabei wurde deutlich, dass das „Dazwischen“ einen eigenen poetischen Ort bilden kann.

Mit Farhad Showghi setzte sich der Abend in einer anderen, ebenso unverwechselbaren Tonlage fort. Der in Hamburg lebende Lyriker, Übersetzer und Arzt wurde für seinen 2018 erschienenen Gedichtband „Wolkenflug spielt Zerreißprobe“ mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet. In Ulm las er aus seinem neuen Band „Die nähere Umgebung“. Seine Gedichte verbinden alltägliche Wahrnehmungen mit überraschenden Perspektivwechseln und hinterfragen die Wirklichkeit. In unterschiedlich langen Formen richtet Showghi den Blick auf das Flüchtige und verschiebt gewohnte Perspektiven. Dabei öffnen sich gedankliche Räume, die über das unmittelbar Wahrnehmbare hinausführen.

Im anschließenden Gespräch wurde Showghis poetischer Zugang zur Lebenswelt näher beleuchtet. Im Mittelpunkt standen die Entstehung seiner Gedichte, das Gehen als Form des Denkens und das Wechselspiel zwischen Sprache und Erleben. Auch die Rolle der Poesie angesichts aktueller Krisen und gesellschaftlicher Umbrüche wurde diskutiert. Showghis biografischer Weg von Prag über Teheran nach Hamburg gab Anlass, darüber zu sprechen, wie die unterschiedlichen sprachlichen Erfahrungen seine Wahrnehmung und sein literarisches Schreiben prägen.

Die Schlafkuhle,
die der alte Kater,
für den das Bett tabu ist,
auf dem Kopfkissen hinterließ.

(Walle Sayer)

Als dritter Autor des Abends las Walle Sayer. Charakteristisch für den im Schwarzwald lebenden Dichter ist seine präzise, verknappte Sprache. Mit wenigen Worten, oft in nur drei bis vier Zeilen, entwirft er Szenen, die ins Offene führen. Sayer beschäftigt sich in seinen Gedichten mit Erinnerung, Vergänglichkeit und der Frage, wie sich das Zurückgebliebene lebendig halten lässt.

Im anschließenden Gespräch stand die Kunst des poetischen Verdichtens im Mittelpunkt: Wann wird aus einer Beobachtung ein Gedicht? Wie viel Arbeit steckt in den oft mühelos wirkenden Versen? Worin liegt das Geheimnis eines Gedichts? Sayer gab Einblicke in seinen Schreibprozess, der einen geschärften Blick für Details und das Unscheinbare voraussetzt.

Die Lyriknacht zeigte, wie Gedichte den individuellen Blick erweitern und sprachliche wie gedankliche Grenzen überschreiten können. Sie schaffen Raum für Fragen und unterschiedliche Sichtweisen sowie für das, was sich einer eindeutigen Erklärung entzieht.

Ohne Poesie? Niemals!

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