Am 20. August 2026 gab es im Rahmen des Ulmer Lyriksommers eine ganz besondere Lyrikperformance: Die Ulmer Donauwiese vor dem Metzgerturm verwandelte sich für einen Nachmittag in eine poetische Oase. Bei der „Roßkultur“ brachte die Ulmer Dichterin Christine Langer klassische und eigene Gedichte auf ungewöhnliche Weise zum Publikum: hoch zu Roß und unter freiem Himmel.

Auf dem Rücken von Borracho, einem Andalusier, rezitierte Langer bekannte Gedichte von Heine, Goethe, Ringelnatz, Hölderlin, Rilke, Borchert, Hebbel, Eichendorff, Günderrode und Brecht. Ergänzt wurde diese Auswahl durch eigene Gedichte aus Langers Publikationen.

Die Roßkultur ist ein von Christine Langer entwickeltes Format der Lyrikvermittlung, das im Jahr 2013 mit ihrem Pferd Horaz erstmals auf dem Ulmer Münsterplatz stattfand und sich zu einer vielseits beachteten Lyrikperformance entwickelte. Nun fand im Rahmen des Ulmer Lyriksommers die Roßkultur erstmals auf der Ulmer Donauwiese statt.

Im Mittelpunkt stand das Zusammenspiel von Natur und Kultur. Diese Verbindung prägt auch Langers poetische Arbeit. Ihre sprachlich verdichteten Gedichte zeichnen sich durch einen ausgeprägten Sprachrhythmus aus und richten den Blick auf die Wahrnehmung. Details aus Natur und Alltag bilden den Ausgangspunkt für ihre poetischen Motive. Langers Gedichte spannen den Bogen von Misthaufen, Rabenkrähen und faulen Äpfeln bis hin zu Begehren und Leidenschaft. „Schließ die Augen, ich lese dich auf“ – diese Gedichtzeile von Christine Langer lädt dazu ein, die Sinne zu schärfen und der sanften Wortgewalt von Gedichten nachzuspüren.

Das außergewöhnliche Format der Lyrikvermittlung, das eine vertrauensvolle Abstimmung mit dem Pferd voraussetzt, eröffnete dem Publikum einen besonderen Zugang zu den vorgetragenen Gedichten. Das Pferd Borracho, das sie bei der diesjährigen Roßkultur begleitete, ist eine kleine Berühmtheit. Es war bei Ritterturnieren, auf Freilichtbühnen und in verschiedenen Film- und Fernsehproduktionen zu sehen, u.a. wirkte Borracho in TV-Produktionen wie „Hubert & Staller“, „Immenhof“ und „Einfach Elli“ sowie in den Kinofilmen „Ostwind“ und „Metamorphosis“ mit. Er gehört dem Hufschmied und Stuntman Alexander Junginger, der zuletzt als Reiterdouble von Christian Tramitz in „Das Kanu des Manitu“ zu sehen war.

Die Roßkultur zeigt, dass Lesungen nicht an Lesepulte gebunden sind und auch eine breitere Bürgerschaft erreichen können. Auf der Donauwiese wurde sie zu einem unmittelbaren Erlebnis, bei dem Dichtung, Natur und Publikum miteinander in Beziehung traten. Die Zuhörerinnen und Zuhörer waren eingeladen, ihren Blick weit über die Donauufer schweifen zu lassen und dabei auch den inneren Bildern Raum zu geben. Die Donauwiese beim Metzgerturm erwies sich dafür als idealer Standort. Nicht nur die Spaziergänger auf der Stadtmauer blieben voller Neugier stehen und reckten ihre Hälse nach Ross und Dichterin, auch die am Donauufer flanierenden und radelnden Passanten hielten an. Ihnen bot sich nicht nur der reizende Anblick eines ungewöhnlichen Duos, sondern die Gedichte klangen an diesem Lyriksommerabend auch besonders schön. Viele Passanten nahmen gar in der nah gelegenen Uferbar Platz, um den abendlichen Versen bei einem Cappuccino oder Kaltgetränk zu lauschen.

Die Roßkultur wurde von Dichter dran e.V. organisiert. Sie wurde von der Baden-Württemberg-Stiftung im Rahmen des Literatursommers 2026 sowie von der Stadt Ulm gefördert. Die Veranstaltung fand am Donnerstag, den 20. August 2026, von 17:00 – 18:15 Uhr auf der Donauwiese beim Metzgerturm statt.

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