Freitag, 24. Juli 2026 | 19:30 Uhr
Einsteinhaus Ulm | Club Orange
Kornhausplatz 5, 89073 Ulm
Eintritt frei


Lesung:  
  
Prof. Dr. Björn Hayer
Moderation:  
  Christine Langer




Dichter dran e.V. präsentiert in Kooperation mit der vh Ulm

»Wo der Staub Licht wird«
Lesung & Gespräch mit Björn Hayer

„Ob wir uns je wiedersehen?“ – diese Frage steht im Zentrum von Björn Hayers neuem Gedichtband »Das Haus«. In poetischen Miniaturen, die zwischen Essay und Poem changieren, erkundet Hayer, der auch als Literaturwissenschaftler und -kritiker tätig ist, auf engstem Raum Erinnerungen an einen geliebten Menschen, der verschwunden ist und doch gegenwärtig bleibt. Die Sprache wird zum Sehnsuchtsort, das titelgebende Haus zum Resonanzraum von Verlust, Nähe und fortdauernder Präsenz. Hayers Texte kreisen um Trauer und Trost, um Abschied und Neubeginn, um Erinnern und Verzeihen. Mythologische Figuren wie Orpheus und Dante treten ebenso auf wie Kindheitsbilder, die in die Vergangenheit zurückführen, um eine mögliche Zukunft zu entwerfen. Immer wieder behandelt seine Dichtung den Versuch, mit sprachlicher Kraft die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits zu überschreiten.

In seiner Lesung gibt Björn Hayer Einblicke in seinen vielschichtigen Gedichtband, der sich den großen und kleinen Fragen unserer Zeit nähert.


Haus und Geist: Auf den ersten Blick stellt ein Haus keine poetische Figur dar. Es befindet sich auf festem Grund, ist unverrückbar. Seine Wände bieten eine größtmögliche Abschottung vor der Außenwelt. Wer will, kann darin sitzen und in gänzlicher Isolation bleiben. Allenfalls dient es noch als binäres Schema. Man besitzt es oder eben nicht. „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“, schreibt Rainer Maria Rilke in seinem „Herbstgedicht“. Ein Vers, der absoluter, entschlossener nicht klingen könnte. Kein Haus zu haben, bedeutet hier einsam dem nahenden Winter ausgesetzt zu sein. Ein Haus besteht oder eben nicht. Anders als ein Poem, dem doch immer eine Entwicklung innewohnt. Es verändert sich mit der Zeit, kennt weder Grenzen noch Statik. Haus und Lyrik bilden somit ein ungleiches Paar. Eigentlich passt nichts zusammen. Bevor man in ein Haus zieht, werden seine Wände schon zu Leinwänden für allerlei Projektionen. Ein Haus, das ist nicht nur ein Bett, ein Stuhl und bestenfalls eine Heizung, ein Haus ist immer auch eine Idee, ein Ideal des sich materialisierenden Ich. Obwohl es einen anzieht, ist man nicht frei von Angst. Noch vor allem Anfang schwingt die Sorge mit, dem Objekt nicht gerecht werden zu können, dem wuchernden Garten, der Feuchtigkeit, der schlummernden, oft noch nicht sichtbaren Vergänglichkeit. Ein Haus zwingt einen also zur Wachsamkeit, zur Hege und Pflege. Es macht etwas mit einem. Funktioniert die Logik daher eher umgekehrt? Wird weniger das Haus als vielmehr man selbst zu einer poetischen Figur, indem man das Gebäude bewohnt?

Quelle:  Das Haus – Björn Hayer – APHAIA Verlag (aus dem Nachwort des Autors)

Zum Autor:

Björn Hayer (Foto: Eva Korn)

Prof. Dr. Björn Hayer (*1987 in Mannheim) arbeitet an der Universität Koblenz-Landau als Literaturwissenschaftler. Daneben ist er als Essayist sowie Literatur- und Theaterkritiker tätig. Er schreibt unter anderem für die Frankfurter Rundschau, Der Freitag, Zeit Online, NZZ, Die Presse, Cicero und Berliner Zeitung. Ebenso ist er regelmäßig in den Sendern DLF Kultur und WDR 5 zu hören. 

Nachdem er mit einer Arbeit über die digitalen Medien in der Gegenwartsliteratur promoviert hatte, habilitierte er sich mit einer Studie zu utopischen Implikationen in der Lyrik von Friedrich Hölderlin, Rainer Maria Rilke, Paul Celan und deutschsprachigen GegenwartsdichterInnen.

 

Kostenfrei Teilnahme – Der Lesung mit Björn Hayer findet im Rahmen des 5. Ulmer Lyriksommers statt. Sie wird von der Stadt Ulm und der Baden-Württemberg Stiftung im Rahmen des Literatursommers 2026 gefördert und von Dichter dran e.V. in Kooperation mit der vh Ulm organisiert.